
Goldmann
4. Auflage, 2005
443 Seiten
€ 9,95
Harald Lesch und Jörn Müller haben nach „Kosmologie für Fußgänger“ ein zweites Buch über die faszinierenden Themen der Weltraumforschung veröffentlicht. Während sich „Kosmologie für Fußgänger“ dem allgemeinen astronomischen Grundverständnis widmete und eine gelungene Einführung in den Aufbau des Sonnensystems, der Natur der Sterne oder Schwarzer Löcher bot, widmet sich „Big Bang zweiter Akt“ einem Thema, das viele Menschen vor Augen haben, wenn sie etwas über den Weltraum hören: Gibt es außerhalb der Erde noch irgendwo anders Leben? Lesch und Müller nähern sich der Antwort auf diese Frage weder auf dem spekulativen noch auf dem sensationslüsternen Weg, sondern nüchtern wissenschaftlich. Das macht die Lektüre des Buches auf den ersten 174 Seiten stellenweise etwas langatmig, dennoch ist es für das Verständnis über die Bedeutung von Leben wichtig, sich mit den Grundlagen auseinander zusetzen. Dabei steht am Anfang die schwierige Frage, was denn Leben eigentlich ist, welche Bausteine für das Leben erforderlich sind und in welcher Beziehung das Leben zum Universum und seinem Ursprung steht: Ohne den Urknall („Big Bank erster Akt“) gäbe es nicht die Bausteine des Lebens, gäbe es das Leben selbst nicht. Eine wichtige Rolle spielten dabei auch die ersten Sterne, in denen wie in einem gigantischen Laboratorium alle Elemente entstanden, die es – abgesehen von Wasserstoff und Helium – in der Frühzeit des Universums nicht gab. Die Elemente aus der Sternenküche wurden in gigantischen Explosionen – Supernovae – freigesetzt und bildeten die Grundlage für die Entstehung der Planetensysteme. Und in einem dieser Systeme entstand Leben. Wie das geschah, ist eine weitere spannende Frage, mit der sich die Wissenschaft beschäftigt. Gerade unlängst machte eine neue Theorie Furore, wonach das erste Leben sogar im Eis entstanden sein soll. Hier sind noch viele Fragen offen. Die wichtigste „Entdeckung“ des Lebens ist die Bildung der DNS und der Zelle – ein Schritt von so großer Bedeutung, dass ihn die Autoren als „Big Bang zweiter Akt“ bezeichnet haben.
Nachdem die Autoren ihren Lesern das nötige Grundwissen über das Leben auf der Erde vermittelt haben, wagen sie den großen Sprung ins All. Der führt sie jedoch nicht gleich in die unendlichen Weiten der Milchstraße, sondern zunächst in unser Sonnensystem. Gibt es hier Plätze, an denen Leben entstanden sein könnte? Der beliebtester Kandidat in dieser Hinsicht, der Planet Mars, ist in den Augen der Autoren eine tote Welt (wenn auch die europäische Marsmission „Mars Express“ unlängst Anzeichen für einen großen See aus gefrorenen Wasser unter der Marsoberfläche und größere Mengen von Formaldehyt in der Atmosphäre des roten Planeten nachgewiesen hat, beides Hinweise auf mögliche Lebensformen). Weitere diskutable Orte des Lebens sind nach Auffassung von Lesch und Müller die Jupitermonde Europa und Ganymed. Der Saturnmond Titan, gegenwärtig das Ziel der amerikanisch-europäischen Mission „Cassini-Huygens“, eignet sich dagegen nicht für Leben, doch zeigen sich interessante organische Verbindungen, die einen Vergleich mit der Ur-Erde vor 4 Milliarden Jahren zulassen könnten. Wird die Suche nach Leben über die Grenzen unseres Sonnensystems hin ausgedehnt, so muss erst ein geeigneter Platz für Leben gefunden werden. Als ein solcher kommt nach gegenwärtigem Kenntnisstand nur ein Planetensystem in Betracht. Seit 1995 wurden weit über 600 extrasolare Planeten entdeckt, darunter mehrere Systeme mit mehr als einem Planeten. Jedoch handelt es sich bei den meisten dieser Planeten um Gasriesen wie Jupiter und Saturn, die zudem häufig ihre Sonne in sehr geringer Entfernung umkreisen. Dort ist es so heiß, dass dies kaum die richtigen Plätze für Leben sind, wie wir es kennen. Auch wurden einige Planetensysteme entdeckt, aber die Regel ist, dass es auf den dortigen Planeten für Leben entweder zu kalt oder zu heiß ist. Es gibt zwei Ausnahmen: Das System des roten Zwergsterns Gliese 581 sowie die Sterne HD 85512 und Kepler 22, die genau im richtigen Abstand von einem Planeten umkreist wird, der durchaus angenehme Temperaturen und damit die Voraussetzungen für alles bieten könnte, was Leben benötigt. Vor allem der Planeten Kepler 22b beeindruckt die Astronomen. All das war natürlich noch nicht bekannt, als das Buch von Lesch und Müller erschien; im Jahr der Erstveröffentlichung (2003) waren die meisten der bis dahin entdeckten Exoplaneten Gasplaneten, und auch der Rest war nicht gerade lebensfreundlich.
Eine Alternative für die ganz spezielle Suche nach Leben außerhalb der Erde bietet das SETI-Programm, die Suche nach den Radiosignalen fremder Zivilisationen. Doch, so stellen Müller und Lesch fest, diese Suche ist bislang ergebnislos geblieben. Die sogenannte „Drake-Formel“, die in den sechziger Jahren von dem amerikanischen Radioastronomen Frank Drake entwickelt wurde und mit der die Anzahl der Zivilisationen in unserer Galaxie ermittelt werden sollte, erweist sich in den Augen der Autoren als ungeeignet, da sie zu viel Spielraum für subjektiv eingefärbte Ergebnisse bietet. Lesch und Müller halten extreme Skepsis für den richtigen Ausgangspunkt, um seriöse Aussagen zum Thema „Leben im All“ zu machen. Im Unterschied zu anderen Autoren, wie beispielsweise Brownlee und Ward („Unsere einsame Erde“, Springer Verlag 2001), wollen Lesch und Müller das höherentwickelte Leben nicht als eine besonderen Einzelfall ansehen, der nur auf der Erde zu finden ist. Sie halten es für möglich, dass höheres Leben überall im Universum vorkommt und dass sich das Schweigen, mit dem SETI und vergleichbare Projekte konfrontiert werden, mit den großen Entfernungen zwischen den Zivilisationen, dem Untergang von Zivilisationen oder der Unfähigkeit, außerirdische Signale zu erkennen, erklären lässt. Insgesamt gesehen ist es eines der wissenschaftlich gründlichsten Bücher über das Leben im Weltall, und zugleich, abgesehen von der etwas mühseligen Einführung auf den ersten 174 Seiten, ein sehr gut lesbares und informatives Buch zu diesem spannenden Thema.