Die Giza Mauer - eine neue Verschwörungstheorie

Es gibt Bücher, die erzählen spannende Geschichten. Es gibt Bücher, die vermitteln Wissen oder beschreiben die Entwicklung von Wissenschaft und Forschung. Und es gibt Bücher, die sind ganz einfach nur gegenstandslos. Das Buch "Die Giza Mauer" von Risi und Paganini, erschienen 2005 im Govinda Verlag (Jestetten/Zürich), gehört in die letztere Kategorie: Es enthält von vorne bis hinten ein Sammelsurium an Spekulationen und unbegründeten Behauptungen über angebliche Rätsel im alten Ägypten. Aber der Reihe nach.


Aufhänger ist eine Verschwörungstheorie, wonach das Giza-Plateau bei Kairo heimlich eingemauert wird. Ein solcher Mauerbau ist an und für sich noch nichts schlimmes, doch befinden sich auf dem Giza-Plateau die Monumente des alten Ägypten, die es Autoren des parawissenschaftlichen Spektrums, dem auch Paganini und Risi angehören, immer schon angetan haben: Die Pyramiden des Cheops, Chephren und Mykerinos, dazu der Sphinx mit seinem Sphinxtempel und dem Taltempel. Hier spekulieren Parawissenschaftler seit jeher über verborgene Geheimnisse und unterstellen, die Ägyptologen, deren Anliegen die Erforschung dieser Anlagen ist, verbergen Erkenntnisse vor der Öffentlichkeit, die nicht in ihr wohlfeil zurechtgezimmertes Weltbild passen. Dazu gehören insbesondere angebliche Geheimkammern unter dem Sphinx oder in den Pyramiden selbst. Und um die Verschleierung solcher Entdeckungen soll es sich auch bei der heimlichen Errichtung der ominösen Giza-Mauer handeln, dies passe nur zu gut in die ohnehin vorhandene Verschleierungstendenz der ägyptologischen Forschung. In einem Appell fordern die Autoren denn auch die Weltpresse auf, sich dieser Mauer anzunehmen, die heimlich, d.h. verborgen vor den Augen und Kameras der Journalisten, in Ägypten errichtet werde, einzig und allein zu dem Zweck, unerwünschte Entdeckungen zu verschleiern. Man darf annehmen, dass dieser Appell bei seriös recherchierenden Journalisten ungehört verhallen wird.

Eine Verschwörungstheorie wie so viele andere, und mindestens ebenso an den Haaren herbeigezogen. Zunächst einmal muss man sich die Frage stellen, was denn so heimlich an einem Mauerbau sein soll, den jedermann verfolgen kann, der das Giza-Plateau besucht. Die Erklärung für die Mauer ist simpel: Die meisten archäologischen Stätten, die für den Tourismus zugänglich gemacht werden, sind eingezäunt, einmal um die Anlagen zu schützen, zum anderen um den Zugang durch Touristen unter Kontrolle zu halten. Hinter dem Bau dieser Mauer verbirgt sich nichts Mysteriöses, und dass Polizisten und Anwohner in Giza schon mal gereizt auf die sogenannten „unkonventionellen Pyramidenforscher,“ die hinter jedem Stein einen Außerirdischen vermuten, reagieren, ist verständlich. Also - ganz und gar nichts mysteriöses, doch das vermag echte und überzeugte Verschwörungstheoretiker nicht zu überzeugen.


Doch wollen wir erst einmal glauben, dass diese Mauer dazu dienen soll, geheime Entdeckungen in Giza vor der Öffentlichkeit zu verbergen – insbesondere unterirdische Anlagen. Wer aber nun die angebliche Beweisführung von Risi und Paganini verfolgt, der merkt schnell, wozu die Verschwörungstheorie „Mauerbau“ dienen soll: Sie ist nur ein Aufhänger, um all jene Spekulationen über das Giza Plateau anzubringen, die schon seit Jahrzehnten durch die pseudowissenschaftliche Literatur geistern. Nachdenklich stimmt dabei der Umstand, dass die Autoren nicht nur eine erschreckende Unkenntnis über die Anlagen auf dem Giza-Plateau dokumentieren, sondern zudem auch ganz bewusst ignorieren, dass das Sammelsurium der von ihnen gelieferten Spekulationen längst widerlegt worden ist. Es sind derart viele, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll, sie alle aufzuzählen. Wenden wir uns daher dem Lieblingsobjekt pseudowissenschaftlicher Autoren zu, dem (in dieser Hinsicht) „Pechvogel“ Pyramide, also hier den Pyramiden des Cheops, Chephren und Mykerinos. Wie viele pseudowissenschaftlichen Autoren vor ihnen hebeln auch Paganini und Risi die drei Giza-Pyramiden aus ihrem archäologischen Umfeld heraus, indem sie ihre scheinbar perfekte Errichtung den „laienhaft“ und „wackelig“ anmutenden Pyramiden späterer Könige gegenüberstellen.

Das damit verfolgte Ziel liegt klar auf der Hand: Nicht die Könige der vierten Dynastie haben die Pyramiden errichtet, denn wären sie es gewesen, müssten auch die Pyramiden nachfolgender Dynastien ähnlich erbaut worden sein. Vielmehr sollen es mythische Nefer und Shemsu Hor gewesen sein, die hier zugange waren, Schöpfer einer ägyptischen Megalithkultur, für deren Existenz zahllose Hinweise gefunden worden sein sollen (wobei diese angeblichen Hinweise zwar eindeutig dem alten Reich zuzuordnen sind, von den Autoren aber fehlinterpretiert werden).

Die Gegenüberstellung der perfekten Pyramiden der 4. Dynastie mit den „laienhaften“ Pyramiden späterer Dynastien, von denen heute nur noch unansehnliche Trümmerhaufen übrig sind, ist längst kein neues parawissenschaftliches Argument mehr. Grob zusammengefasst lässt sich der Wandel im Baustil einmal mit ökonomischen Gegebenheiten erklären. Der Bau reiner Steinpyramiden wie der des Cheops war wesentlich teurer und band weitaus mehr Arbeitskräfte als der Bau einer kleineren Pyramide aus der 5. oder 6. Dynastie, deren Kernmauerwerk beispielsweise aus grob zugehauenen Steinen bestand und die durch eine Verkleidungsschicht aus Granit stabilisiert wurden. Solche Pyramiden wurden wesentlich schneller errichtet, was zudem Gewähr bot, dass das Grabmal noch vor dem Tod des Herrschers fertiggestellt war. Zugleich lässt sich beobachten, dass die Totentempel, die zu einer ägyptischen Pyramiden dazugehörten, nach der 4. Dynastie deutlich größer wurden, was nicht zuletzt auch auf einen Wandel der religiösen Vorstellungen hinweist. Ganz
Paganini und Risi klammern auch ganz bewusst die Pyramiden von Cheops Vorgänger Snofru aus. Dieser hatte nämlich insgesamt drei Pyramiden errichtet, die den Werdegang von einer Stufenpyramide hin zur perfekten Pyramide dokumentieren: Die Pyramide von Meidum, die Knickpyramide von Dahschur und die Rote Pyramide in Dahschur umfassten mehr Bauvolumen als die Cheops-Pyramide. Und es ist ganz offensichtlich, dass die Baumeister von Cheops die Erfahrungen nutzten, die Snofru mit seinen Pyramidenprojekten machte, insbesondere der gescheiterten Knickpyramide. Das alles zu ignorieren, kann nicht mehr als fahrlässig erachtet werden.
Völlig abwegig sind die Ausführungen über die Errichtung der Pyramide. Dies soll in der Regierungszeit von Cheops nicht möglich gewesen sein. Anscheinend wussten Risi und Paganini nichts von den Entdeckungen im Umfeld der Cheops-Pyramide: Arbeitersiedlung und Gräber aus der Zeit des Pyramidenbaus sprechen eine deutliche Sprache. Natürlich passt dieser Befund nicht in die Legende der mythischen „Nefer“ und „Shemsu Hor“, also wird er schlicht und ergreifend ignoriert. Gleiches gilt für Berechnungen, wonach es durchaus möglich war, mit etwa 20.000 Arbeitern, bei denen es sich um Spezialisten ihres Faches handelte, das Projekt „Cheops-Pyramide“ noch zu Lebzeiten dieses Königs durchzuführen. Die Techniken, die dabei angewendet wurden, lassen sich durchaus ermitteln, ihnen haftet nichts Mysteriöses an. Das aber wollen die Autoren ihren Lesern immer wieder einreden. So am Beispiel der Königskammer. Auf S. 116 lesen wir:


„Der ‚Sarkophag‘, der in dieser Kammer steht, ist aus einem einzigen Stück Rosengranit gefertigt. (...) Auch hier ist nicht geklärt, wie die Ägypter unter Cheops mit ihren weichen Kupfermeißeln diesen Granitblock außen und innen derart zuschneiden und bearbeiten konnten.“


Hier zeigt sich, dass die Autoren überhaupt nicht recherchiert haben, denn sonst hätte ihnen auffallen müssen, dass es längst plausible Erklärungen gibt, wie die ägyptischen Handwerker den Sarkophag des Cheops hergestellt hatten. Ein Blick in das Buch von Denys A. Stocks „Experiments in Egyptian Archaeology: Stoneworking Technology in Ancient Egypt“ (Routledge 2003) hätte hier weiter geholfen. Stocks gilt aufgrund seiner zahlreichen Experimente als der Fachmann in Fragen der ägyptischen Hartgesteinbearbeitung, und wer über ägyptische Hartgesteinbearbeitung schreibt, kommt an Stocks nicht vorbei – es sei denn, er tut dies mit dem Ziel, den Ägyptern diese Leistung abzusprechen und sie mythischen Wesen aus dem All, von Atlantis oder sonst woher zuzuschreiben. 
Risi und Paganini rätseln auch darüber, wie denn der Sarkophag von außen her in die Königskammer gebracht wurde, da er doch größer als die Zubringergänge sei. Auch hier hätte ein wenig mehr Recherche das Problem gelöst: Der Sarkophag wurde in der Kammer installiert, bevor diese nach oben hin abgeschlossen wurde.


Ein weiteres angebliches Mysterium soll uns in den Entlastungskammern oberhalb der Königskammer begegnen. Dort befinden sich die einzigen Inschriften innerhalb der Cheops-Pyramide, insbesondere eine ist eine Kartusche mit dem Namen „Chufu“ (ägyptisch für Cheops). Es sind allerdings nicht offizielle Inschriften, wie wir sie beispielsweise an den Tempeln von Ramses dem Großen aus dem Neuen Reich finden, sondern Arbeiterinschriften. Diese belegen eindeutig, dass Cheops der Bauherr der großen Pyramide ist. Dieser Umstand ist für Pseudowissenschaftler, die in der großen Pyramide natürlich etwas anderes sehen als das Grabmal eines Königs, ärgerlich. Was liegt da näher als auf eine seit Jahren in pseudowissenschaftlichen Kreisen kursierende Geschichte zurückzugreifen, wonach der Entdecker der Chufu-Kartusche, Howard Vyse, diese aus Prestigegründen gefälscht hatte. Diese schöne Geschichte wurde von dem Amerikaner Zecharia Sitchin erdacht und geistert trotz ihrer gründlichen Widerlegung immer noch in den Köpfen von Autoren des pseudowissenschaftliche Spektrums herum. So verwundert es nicht, wenn die „Fälscherlegende“ auch bei Paganini und Risi auftaucht (S. 143 f.). Die Widerlegung können auch die Autoren nicht völlig ignorieren, erwähnen sie jedoch nur am Rande und versuchen mit hilflos anmutenden, völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen, die „Fälscherlegende“ doch noch zu retten. Ein sinnloses Bemühen, denn die Inschriften sind echte Arbeiterinschriften aus der Zeit des Pyramidenbaus. Diese Eigenschaft zu ignorieren kommt einem vorsätzlichen Zurechtbiegen von Tatsachen zu einem bestimmten Ziel gleich: Der Irreführung der Leser.


Was anhand einiger Behauptungen der Autoren gezeigt wurde, zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch "Die Giza Mauer": längst widerlegte scheinbare Rätsel werden künstlich zu Mysterien aufgeblasen, das ganze wird mit dem angeblich geheimen Mauerbau um das Giza-Plateau zusammengemixt, schon hat sich wieder eine pseudowissenschaftliche Verschwörungstheorie etabliert. Unter dem Strich haben Autoren wie Risi und Paganini eigentlich keine Berechtigung, über Ägypten zu schreiben, denn um ihre angeblichen Rätsel darzulegen, müssen sie Fakten verbiegen oder unterschlagen, oder um es ganz deutlich zu sagen: sie müssen die Unwahrheit sagen.


Wie man aus einer Mücke einen Elefanten macht

Ein Kommentar zu Armin Risis Beitrag "Pyramiden: Wirklich schon alles geklärt?" auf seiner Homepage

Fotos: Jon Bodsworth
Giza Plateau mit den Pyramiden des Mykerinos, Chephren und Cheops (von links)

Armin Risi hat, für sich und seinen Co-Autor Rico Paganini meine Kritik ihres Buches "Die Giza Mauer" bei buchkritik.at, die weitgehend den obigen Ausführungen entspricht, zum Anlaß genommen, mit einer Stellungnahme zu reagieren. An und für sich etwas durchaus normales, nur diese Reaktion strotzt vor nur so vor Selbtgefälligkeit und Ahnungslosigkeit über das Thema (mit der Risi auch ganz offen hausieren geht), sie ist zugleich aber auch ein guter Beleg dafür, dass wir es hier tatsächlich mit einer Verschwörungstheorie zu tun haben.

 

Bei meiner Rezension handelt es sich (verdientermaßen) um einen "Verriss" (denn mehr ist bei so einem parawissenschaftlichen Machwerk einfach nicht drin). Da ist es schon mehr als peinlich für Risi, wenn er sich und seine Verschwörungstheorie über die ominöse Giza Mauer für so wichtig hält, dass er eine private Rezension zum Anlaß nimmt, eine Art von Gegenschlag von Seiten der Wissenschaft zu vermuten und eine "Stellungnahme" zwecks "Richtigstellung" dazu zu veröffentlichen. Ernst nehmen kann man Risis Stellungnahme nicht, denn wie in seinem Buch demonstriert er auch hier in jeder Hinsicht seine Unkenntnis zum Thema Pyramiden, Ignoranz über wissenschaftliche Erkenntnisse und eine große Neigung zu Spekulationen. Die selbstgefällige Stellungnahme bietet aber zahlreichen Stoff zur Erheiterung des Lesers.

 

Das fängt schon bei der Vorstellung des Rezensenten an. Da schreibt Risi stellvertretend für das Autorenteam:

 

"Nun hat sich im Namen der Wissenschaft Herr Klaus Richter die Mühe gemacht, auf unser Buch einzugehen. Uns ist dieser Rezensent als Autor des Buches "Pechvogel Pyramide" und als Mitarbeiter der Zeitschrift "Sokar – Die Welt der Pyramiden" bekannt, in der er auf der Autorenseite wie folgt vorgestellt wird: "Dr. Klaus Richter (Berlin): Jurist; Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin, Wissenschaftsjournalist."

 

Das einzige, was daran stimmt, ist der Hinweis auf meinen Beruf (Jurist). Der Rest ist Unsinn. Zunächst einmal habe ich nicht, wie Risi und Paganini behaupten, "im Namen der Wissenschaft" mir die "Mühe" gemacht, auf das Buch einzugehen - obwohl es schon mühselig war, sich durch die Aneinanderreihung spekulativer Behauptungen der Autoren durchzuwurschteln. Aber interessant ist: Dahinter schimmert das übliche Denkmuster eines Verschwörungstheoretikers durch: Ich stehe im Lager der Wissenschaft, bin von dieser gewissermaßen "gekauft" worden, um die offizielle "Lüge" zur Gizamauer zu stützen und die Wahrheit zu verschleiern.

 

Eine Rezension bei buchkritik.at ist außerdem eine rein private Angelegenheit und erfolgt bestimmt nicht nicht "im Namen der Wissenschaft". Buchkritik.at gibt jedem Leser die Möglichkeit, ein Buch seiner Wahl zu rezensieren und anderen Lesern mitzuteilen, ob es ihm gefallen hat oder nicht. Eine solche Rezension ist somit eine private Meinung. Wenn Risi anlässlich meiner Rezension eine solche Lawine lostritt (er hat sich dazu auch im unsäglichen parawissenschaftlichen Magazin "Magazin2000 plus" geäußert), lässt sich das natürlich mit dem schönen Spruch "Aus einer Mücke einen Elefanten machen" umschreiben, es ist aber auch ganz einfach nur noch lächerlich und zeigt, wie anmaßend und einfältig Risi und seinesgleichen sind, wenn es um idie Verteidigung ihrer Dogmen geht (um nichts anderes geht es dabei). Herzlich willkommen also in Absurdistan.

 

Ich soll der  Autor des Buches "Pechvogel Pyramide" sein? Meines Wissens ist das immer noch Erwin Wedemann. Ein einfacher Klick bei google hätte genügt, um das herauszubekommen. Möglicherweise hat sich die Existenz von google noch nicht bis zu den Herren Risi und Paganini herrumgesprochen. Sollte es aber, denn wenn man sich den parawissenschaftlichen Unsinn anschaut, den Wedemann über die Pyramiden schreibt, ist Risis Behauptung, ich sei der Autor des Buches "Pechvogel Pyramiden" rufschädigend.

 

Mitarbeiter bei Sokar? Sicher nicht. Die Tatsache, dass ich als Autor mehrerer Beiträge in Sokar in Erscheinung getreten bin, macht mich noch nicht zum Mitarbeiter. In Sokar steht übrigens ausdrücklich "Autoren dieser Ausgabe" über der entsprechenden Rubrik ! All das hätte man ohne großen Aufwand herausfinden können, doch wie bereits das Buch "Die Giza Mauer" belegt: Saubere Recherche ist nicht gerade eine Stärke von Herrn Risi.

 

Klaus Richter vermag im gesamten Buch keinen einzigen guten Punkt zu finden und wirft uns vor, wir würden nur die "üblichen, längst widerlegten Spekulationen" aufgreifen, ja sogar, wir hätten (aufgrund unserer "erschreckenden Unkenntnis") "eigentlich keine Berechtigung, über Ägypten zu schreiben". Auch sagt er, unser Buch diene der "Irreführung der Leser" und wir würden "lügen".

 

Stimmt - ich vermag wirklich keine einzigen guten Punkt zu finden (außer vielleicht die Qualität der Verarbeitung), tatsächlich finden sich jede Menge alter bekannter Spekulationen wieder, und in der Tat: Jemand, der, abseits von jeder ägyptologischen Erkenntnis, um so etwas banales wie eine Mauer um das Giza-Plateau eine Verschwörungstheorie spinnt und sich dabei wilder, durch nichts zu haltender Spekulationen bedient, der führt seine Leser gezielt in die Irre. Ich möchte nicht weiter auf die "Stellungnahme" zu meiner Rezension eingehen, nur auf eine Passage möchte ich hinweisen, an der die Autoren Risi und Paganini demonstrieren, dass sie die Aussagen in ihrem Buch auf selektiv ausgewähltes Quellenmaterial stützen. Dazu zunächst ein Zitat aus meiner Rezension bei buchkritik.at:

 

"Die Techniken, die dabei (beim Bau der Cheops Pyramide, Anm. KR) angewendet wurden, lassen sich durchaus ermitteln, ihnen haftet nichts Mysteriöses an. Das aber wollen die Autoren ihren Lesern immer wieder einreden. So am Beispiel der Königskammer. Auf S. 116 lesen wir:   „Der ‚Sarkophag‘, der in dieser Kammer steht, ist aus einem einzigen Stück Rosengranit gefertigt. (...) Auch hier ist nicht geklärt, wie die Ägypter unter Cheops mit ihren weichen Kupfermeißeln diesen Granitblock außen und innen derart zuschneiden und bearbeiten konnten.“ Hier zeigt sich, dass die Autoren überhaupt nicht recherchiert haben, denn sonst hätte ihnen auffallen müssen, dass es längst plausible Erklärungen gibt, wie die ägyptischen Handwerker den Sarkophag des Cheops hergestellt hatten. Ein Blick in das Buch von Denys A. Stocks „Experiments in Egyptian Archaeology: Stoneworking Technology in Ancient Egypt“ (Routledge 2003) hätte hier weiter geholfen. Stocks gilt aufgrund seiner zahlreichen Experimente als der Fachmann in Fragen der ägyptischen Hartgesteinbearbeitung, und wer über ägyptische Hartgesteinbearbeitung schreibt, kommt an Stocks nicht vorbei – es sei denn, er tut dies mit dem Ziel, den Ägyptern diese Leistung abzusprechen und sie mythischen Wesen aus dem All, von Atlantis oder sonst woher zuzuschreiben."

 

Nun dazu die Stellungnahme von Risi und Paganini:


"Wir haben das Buch von Denys A. Stocks tatsächlich nicht konsultiert, denn wir kennen seine Theorien aus entsprechenden Fachartikeln, nicht zuletzt auch aus einem Artikel von Klaus Richter selbst: "Kupfer als Werkstoff im Alten Reich", veröffentlicht in "Sokar" (Nr. 6, 1. Halbjahr 2003)."

 

Welch ein Armutszeugnis: Risi und Paganini geben zu, dass sie die Theorien von Stocks aus "den entsprechenden Fachartikeln" kennen - nur warum taucht davon aber keiner in besagtem Buch auf, auch nicht mein Beitrag in Sokar? Weil daraus hervorgeht, dass die ägyptischen Handwerker der 4. Dynastie fähig waren, den steinernen Sarkophag des Cheops mit den technischen Mitteln ihrer Zeit herzustellen. Das passt natürlich nicht in das Bestreben, aus dem Sarkophag ein ungelöstes Rätsel zu machen, also erwähnt man diese Beiträge besser nicht - die für die Parawissenschaften typische "Methodik" des Unterschlagens von Quellenmaterial. In der Stellungnahme heißt es dann weiter:


"Im oben erwähnten Artikel schreibt Klaus Richter: "Zur Zeit des Pyramidenbaus waren die altägyptischen Handwerker wahre Meister in der Fertigung von Kupferobjekten und der Benutzung von Kupferwerkzeugen. Das belegen heute zahlreiche eindrucksvolle Befunde, von denen der Sarkophag des Cheops in der Cheops-Pyramide nur einer ist."Diese Argumentation ist ein typischer Zirkelschluß. Er behauptet, der "Sarkophag" sei von Handwerkern der Vierten Dynastie mit Kupferwerkzeugen und Sandreiben hergestellt worden (wofür es keinen Beweis gibt), und sagt dann, dieser "Sarkophag" sei ein Beweis dafür, daß die Handwerker der Vierten Dynastie diesen Sarkophag hergestellt hätten, was wiederum beweise, daß sie in der Lage gewesen seien, Granit mit Kupferwerkzeugen auf diese perfekte Weise zu bearbeiten."

 

Diese Behauptung ist eine Verdrehung der Tatsachen. Was Risi nämlich ganz gezielt verschweigt ist der Umstand, dass ich meine Aussage auf der Grundlage von Stocks Berechnungen und Experimenten gemacht habe - nicht ohne Grund ist die Überschrift über dem entsprechenden Abschnitt meines Artikels denn auch "Schlussbetrachtungen". Letztlich dient der Einwand von Risi und Paganini nur der Augenwischerei; den Lesern ihres Buches soll deutlich gemacht werden, dass es immer noch etwas Mysteriöses und Rätselhaftes an diesem Sarkophag gibt. Doch dem ist nicht so. Das Beispiel zeigt wie kein anderes die selektive Auswahl durch die Autoren: Nur solche Argumente, die ihnen in ihr Konzept passen, werden benannt; alles übrige wird entweder ignoriert oder aus dem Zusammenhang gerissen.

 

Noch einige - rechtliche - Anmerkungen zum Schluss.  Risi schreibt, stellvertretend für seinen Co-Autor, in der Stellungnahme außerdem:

 

"Eigentlich wollte ich diesen Text vollständig, Abschnitt für Abschnitt, zitieren, um auf jeden Punkt zu antworten. Aber Herr Richter hat mir – unter Androhung von rechtlichen Schritten – verboten, dies zu tun. Deshalb fasse ich nun seine Aussagen mit eigenen Worten zusammen und beschränke mich auf einige wenige wörtliche Wiedergaben im Rahmen des freien Zitierungsrechtes."

 

Da bin ich ja nun ein richtiger Bösmensch :-) ...  aber Spaß beiseite: Herr Risi hatte den Betreiber der Webseite buchkritik.at, Herrn Alfred Ohswald, eine Email geschickt  und in dieser Email seine Stellungnahme verpackt mit einer kompletten Übernahme meines Textes - nicht zitiert, wie er behauptet. Wortwörtlich schrieb Risi dort:

 

"Daß ich Herrn Richters Text in meiner Antwort vollumfänglich anführe, dient der Leserfreundlichkeit und auch der Diskussion, in der beide Seiten voll zu Wort kommen sollen, weshalb ich denke, daß eine Veröffentlichung in Printmedien keiner Copyright-Einschränkung unterliegt, zumal die Veröffentlichung für mich nicht kommerziellen Zwecken dient (ich beziehe kein Honorar für diesen Artikel)."

 

Das ist ein sehr eigenwilliges Verständnis von Urheberrechten! Da existiert etwas im Netz, also ist es gewissermaßen ein Gut, über das frei verfügt werden kann - ohne den Urheber irgendwie zu beteiligen? Zu schön, um wahr zu sein, denn es handelt sich um geistiges Eigentum - jawoll, so etwas gibt es auch. In Deutschland wird geistiges Eigentum beispielsweise durch das Patentrecht, das Markenrecht und das Urheberrecht geschützt. Geistiges Eigentum genießt in unserer Rechtsordnung den gleichen Stellenwert wie Sacheigentum, der Nichteigentümer kann darüber nicht einfach frei verfügen, ohne den Eigentümer in irgendeiner Form zu beteiligen. Buchkritik.at macht das übrigens auch sehr deutlich, denn unter jeder Rezension steht dort zu lesen:

 

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

 

Selbstredend habe ich Herrn Risi nicht berechtigt, meine Rezension zu verwenden. Im übrigen dient die Stellungnahme Risis der Werbung zu seinem Buch, eine kommerzielle Zweckrichtung sollte er daher nicht voreilig ausschließen.


Interessante Neuentwicklung

Auf seiner Homepage distanziert sich Armin Risi nun ausdrücklich von seinem Co-Autor Rico Paganini und wirft ihm gezielte Desinformation und Irreführung der Leser bezüglich der Gizamauer vor. Da scheint die Kritik, die (nicht nur von mir) an diesem Buch geübt worden ist, doch Wirkung gezeigt zu haben - jedenfalls soweit es die Verschwörungstheorie um die Gizamauer betrifft. Ansonsten zeigt sich Risi, was seine Spekulationen über die Pyramiden und den Sphinx von Gizeh angeht, wie jeder von sich und seiner Mission überzeugte Parawissenschaftler unbelehrbar ... ganz zu schweigen von den für Risi typischen esoterischen Ergüssen.

 

Die Giza-Mauer: Der aktuelle Stand