
Alireza Zarei
Die verletzte Pyramide
Wie Neugier Geschichte zerstört
Ancient Mail Verlag, ISBN 978-3935910-82-8
Broschiert, 231 Seiten
Preis: € 17,80
Und wieder ein parawissenschaftliches Buch über die Pyramide schlechthin - die Pyramide des Cheops in Gizeh. Es gibt schon soviele Bücher zu diesem Thema, was soll also eine Rezension zu einem weiteren derartigen Buch bringen außer die Feststellung, dass mit der hinlänglich bekannten, üblichen parawissenschaftlichen Methodik gearbeitet wird? Nun - das vorliegende Buch ist ein parawissenschaftliches Pyramidenbuch. Und doch ist es anders als die übrigen, die in diesem Bereich erschienen sind.
Da ist zunächst einmal das Motiv des Autors: Er möchte die Prä-Astronautik (oder "Paläo-SETI"), jene parawissenschaftliche Strömung, die davon ausgeht, dass die Erde und die Menschheit in der Vergangenheit von Angehörigen einer außerirdischen Zivilisation besucht wurden, von Spekulationen solcher Autoren befreien, die
"Forschern das Leben erschweren, da sie mit ihren unseriösen Arbeiten die Glaubwürdigkeit Anderer von vornherein belasten" (S. 107).
Dieses Ansinnen macht mir den Autor sympathisch, denn ich dachte einmal ganz ähnlich wie er. 1999 und 2000 war ich - damals noch Anhänger der Prä-Astronautik - der Auffassung, man könne und müsse die Prä-Astronautik von wüsten Spekulationen bereinigen, um hier voranzukommen. Dass das eine Illusion ist, habe ich bald gemerkt - letztlich hat das im Jahr 2001 zu meinem Abschied von der Prä-Astronautik geführt: Die Prä-Astronautik ist eine Parawissenschaft; es mag Autoren geben, die es mit ihren Spekulationen besonders bunt treiben, während andere sehr viel geschickter vorgehen und sich unter dem Deckmäntelchen der Seriosität tarnen - im Ergebnis ist es alles dasselbe. Mir wurde das bewusst, als ich merkte, das Autoren, die ich für seriös gehalten habe, letztlich mit der gleichen Methodik arbeiteten wie die, die ich schon während meiner Zeit als aktiver Anhänger der Prä-Astronautik scharf kritisiert habe. Vielleicht wird auch der Autor des vorliegenden Buches das eines Tages merken.
Ich will mich also nicht über die parawissenschaftlichen Aspekte des Buches auslassen - es gäbe da vielens, etwa das für Parawissenschaften typische selektive Argumentieren und Auswählen von Literatur oder das Nichtbelegen von Behauptungen. An einigen Stellen nimmt der Autor Bezug auf die Arbeiten anderer Autoren, an anderen Stellen tut er das nicht und erweckt so beim Leser den Eindruck, er habe hier erstmals ein scheinbares Rätsel einer kritischen Betrachtung unterzogen - so etwa bei Hartgesteinbearbeitung und Kernbohrungen, wo er etwa von Hölscher ausgeht und scheinbar das Rätsel Kernbohrungen löst, ohne auf die ausführlichen Vorarbeiten von Rainer Lorenz (dieser auch in Mysteria3000) und mir (dazu dann auch Beiträge von mir in Sokar 3 und in Skeptiker 2/2004) einzugehen. Dass das Mysterium "Kernbohrungen im alten Ägypten" keines ist, haben vor dem Autor also schon andere festgestellt. Dass er nun aber als Anhänger der Prä-Astronautik fordert, dass dieses Mysterium zu den Akten gelegt wird (S. 132), ist dennoch löblich. Zeit wird es ja.
Dass es bei der Arbeitsweise von Autoren aus der Prä-Astronautik nicht immer mit rechten Dingen zugeht, dass scheint auch Zarei zu bemerken. So schreibt er auf S. 108 zur Wiederlegung "Fälscherlegende" von Zecharia Sitchin durch Michael Haase (die er als Widerlegung anerkennt):
"Es mutet seltsam an, dass selbst heute noch Autoren der Paläo-SETI-These diese Beweise nicht anerkennen und weiterhin die widerlegte Theorie von Sitchin verbreiten. Fast scheint es, als würden sie voneinander abschreiben und Angaben nicht wirklich kontrollieren. So wird die Behauptung wohl noch lange umhergeistern."
Nun - es scheint nicht nur so, es ist sogar so. Und auch Erich von Däniken, bei dem sich der Autor in einer Danksagung für die Unterstützung bei Anfertigung des Buches bedankt, hat das so gemacht, als er ungeprüft Sitchins Fälscherlegende in seinem Buch "Die Augen der Sphinx" übernommen hat (ebd., S. 262 - 266). Ob der Autor das gewusst hat? Jedenfalls hat der Autor recht, wenn er prognostiziert, dass die Fälscherlegende Sitchins noch lange herumgeistern wird. Die Wiederlegung durch Michael Haase erfolgte in 1996. Inzwischen gibt es eine neue Generation von Epigonen Erich von Dänikens in der Prä-Astronautik, und die Erfahrung zeigt, dass solche Themen wie die "Fälscherlegende" von einer neuen Generation gerne wieder aufgewärmt werden, sei es auf Internetforen, in Zeitschriftenbeiträgen oder Büchern. Der Autor Zarei ist da sicher eine löbliche Ausnahme. Zarei verabschiedet sichvon widerlegten Spekulationen, so etwa der "Fälscherlegende" Sitchins. Er weist auf den Beitrag "Das Chufu-Syndrom" von Michael Haase (G.R.A.L., 3/1996) hin und erkennt das Ergebnis von Haases Untersuchung an: Nicht Howard Vyse war ein Fälscher, wie Sitchin behauptete, sondern Sitchin selbst (S. 107). Und dann kommt der bereits oben zitierte Satz, hier in Gänze:
"Es sind solche Autoren wie Sitchin, die Forschern das Leben erschweren, da sie mit ihren unseriösen Arbeiten die Glaubwürdigkeit Anderer von vornherein belasten."
Als Fazit stellt Zarei fest, dass es Michael Haase war, der erkannt hat, dass die von Sitchin behauptete Fälschung der Kartusche des Pharao Cheops durch Howard Vyse nichts weiter als eine Legende ist. Damit erkennt Zarei zugleich für die Szene die Urheberschaft Haases an dieser Wiederlegung an (letztlich auch mit dem Segen von Dänikens). Das ist nicht ganz unwichtig, da es Bemühungen von Frank Dörnenburg gibt, Haase diese Leistung abzusprechen.
Zarei nimmt sich einige Autoren vor, die er kritisiert und die er unterteilt in solche, die Pyramidengeheimnisse verfechten und solche, die Pyramidenmysterien kritisieren oder leugnen (S. 197 ff.).
Zur ersten Gruppe gehören Helsing/Erdmann und Erdogan Ercivan. Vor allem Ercivan wird scharf kritisiert, hier demonstriert und demontiert Autor Zarei anhand eines Beispiels die unseriöse Arbeitsweise Ercivans. Dieses Beispiel ist sicher symptomatisch, bei Ercivan aber nur die Spitze des Eisbergs. Kritik an Sitchin wird hier nicht geübt, das hat Zarei schon an anderer Stelle getan (S. 106 ff.). Erich von Däniken, der ja auch zu den Verfechtern der Pyramidengeheimnisse gehört, wird natürlich nicht kritisiert. Dabei ist "Göttervater" Erich von Däniken alles andere als makellos.
Zu der zweiten Gruppe gehören Michael Haase und Frank Dörnenburg. Dörnenburg wird von Zarei so heftig kritisiert, dass meine Rezension von Dörnenburgs Buch "Pyramidengeheimnisse" - auf die sich Zarei bei seiner Kritik zum Teil stützt - dagegen geradezu als sanftmütig erscheint. Die Kritik an Haase wirkt dagegn konstruiert. Zarei wirft Haase auf S. 200 seines Buches vor, er degradiere in "Das Rätsel des Cheops" (1998, S. 134) Befunde aus Bohrungen in der Cheops Pyramide zu nur 25 cm großen, mit Sand gefüllten Fugen, die vermutlich als strukturberuhigende Zonen installiert worden seien. Mit sehr geringem Aufwand hätte Zarei herausbekommen, dass sich Haase hier auf Stadelmann beruft, der in "Die ägyptischen Pyramiden (3. Auflage, 1997) auf die Befunde von Bohrungen eingeht, bei dem man auf bis zu 0,25 m breite Fugen gestoßen sei, die mit feinem Flugsand gefüllt waren (Stadelmann, S. 272). Und worauf beruft sich Stadelmann? Auf die Bohrungen der parawissenschaftlichen Kreisen (und vom Autor auch nicht kritisierten) Architekten Dormion und Goidin (Stadelmann, S. 271).
Weiterhin wird kritisiert, dass Haase behaupte, dass der Großteil der beim Bau der Cheops Pyramide verwendeten Steine aus den umliegenden Steinbrüchen des Giza-Plateaus stamme (ohne zu belegen, wo Haase das behauptet), um dann mit einer Gegendarstellung von Dieter Vogel zu kontern, der festgestellt haben will, dass diese Steine für den Pyramidenbau völlig ungeeignet seien. Nun ist Vogel als ein herausragendes Mitglied der obskuren parawissenschaftlichen Gruppierung EFODON (zu denen auch Zillmer und Geise gehören) sicher keine geeignete und seriöse Quelle. Man könnte Zarei daher entgegenhalten: Warum kontaktiert er nicht einen (seriösen) Geologen?
(aktualisierte Fassung, 26. Oktober 2011)