


15.09.2008
Der selbsternannte Orientalist Zecharia Sitchin stellte in seinem Buch "Stufen zum Kosmos" die Behauptung auf, die Kartusche, die in der obersten Entlastungskammer der Königskammer in der Cheopspyramide (sog. "Campbell-Kammer") gefunden wurde und die auf Cheops als Bauherrn der Pyramide hinweist, sei eine Fälschung, die von dem britischen Abenteuerer und Forscher Howard Vyse initiiert worden sei.
Zunächst einmal: Worum geht es bei der "Fälscherthese" Zecharia Sitchins überhaupt? Lassen wir eine der Epigonen Sitchins zu Wort kommen (1):
"Die dazugehörige abenteuerliche Geschichte wurde bereits erzählt, und zwar von dem Orientalisten Zecharia Sitchin. Sie handelt von einer skrupellosen Fälschung, die ausschließlich dem Zweck der persönlichen Befriedigung des Fälschers diente, was wiederum durchaus seinem Charakter entsprach. In seinem bedeutenden Werk "Stufen zum Kosmos" ist Sitchin den Umständen der Auffindung der Inschrift nachgegangen. Bis 1837, als die Ägyptologie noch in den Kinderschuhen steckte, war Herodot die einzige Quelle, die den sonst völlig belanglosen Cheops mit der Großen Pyramide zusammenbrachte. Doch dann entdeckte plötzlich ein gewisser Oberst Richard Howard Vyse die Königskartusche des Chufu (gr. Cheops) in den oberen Kammern der 1500 Tonnen schweren Entlastungskonstruktion. Damit schien der Fall Cheops endgültig abgeschlossen zu sein. Voreilig, wie Sitchin zeigte. Schon frühzeitig wunderten sich Gelehrte über die Eigentümlichkeiten bei den verwendeten Hieroglyphen, doch wurde zu keiner Zeit daran gedacht, diese sonderbaren Umstände mit der Person von Howard Vyse zusammenzubringen, obwohl dieser bei seinen 'Forschungen' überwiegend beträchtlichen Schaden hinterließ. Noch heute gilt er als wichtiger Entdecker und Ägyptologe. Er war keines von beiden. Aus den Aufzeichnungen seines Tagebuches, den äußerst merkwürdigen Umständen der Entdeckung sowie der völlig mißgelungenen Fälschung des Namens 'Chufu' hat Sitchin den Fall gelöst und damit das letzte Argument, das für Cheops als Erbauer der Großen Pyramide sprach, aus der Welt geschafft. Dem exzentrischen Oberst sind zu viele Fehler unterlaufen. Die Inschrift, die eigentlich von einer Arbeiterkolonne dort angebracht worden sein soll, hätte unter anderem folgenden Wortlaut gehabt:
'Die Arbeitsgruppe, wie mächtig
ist die Weiße Krone des Chnum-Chufu.
Chufu.
Chnum-Chufu
Jahr siebzehn.'
Statt 'Chufu' schrieb der Oberst 'Re-ufu', statt hieroglyphisch zu fälschen, verwendete er semi-hieratisch, eine Schriftform, die es in der 4. Dynastie noch gar nicht gab. Zudem sind die Hieroglyphen schlecht dargestellt und zum Teil unleserlich. Doch wissen wir heute sicher, daß die Entwicklung der Schrift in der 3. Dynastie vollendet war. Vyse hatte die ganze Wissenschaft genarrt. Zu diesen offensichtlichen Fehlern gesellte sich der merkwürdige Umstand, daß diese Zeichen ausschließlich in den Kammern vorkommen, die Vyse selbst entdeckt hat. Nirgendwo sonst, ob in oder an der Pyramide, gibt es irgendwelche Schriftzeichen."
Martin Stower in England und Michael Haase in Deutschland nahmen sich dieser "Fälscherthese" an und widerlegten sie mit unterschiedlichen Argumenten.
Michael Haase hatte bereits im Juni 1994 in Berlin auf einem Vortrag vor Mitgliedern der Ancient Astronaut Society darauf hingewiesen, daß die Behauptungen Sitchins im Hinblick auf die Kartuschenfälschung nicht haltbar seien. Im Rahmen dieses Vortrages zeigte er unter anderem einen Videofilm, der den Ägyptologen Mark Lehner 1987 bei der Besichtigung der Campbell-Kammer zeigt. Dabei wurden erstmals Filmaufnahmen der betreffenden Kartusche in der Öffentlichkeit gezeigt, und Lehner buchstabiert sie völlig korrekt: Chufu. Das von Sitchin behauptete "Ré-u-fu" wird mit keiner Silbe von Lehner erwähnt.
In Haases ausführlicher Widerlegung in dem Magazin G.R.A.L. werden drei Behauptungen Sitchins untersucht, die belegen sollen, daß die Kartusche eine Fälschung Vyses sein soll (2):
1. Die Inschrift sei unsauber und z.T. unleserlich angebracht worden
2. Viele Zeichen seien in Hieratisch wiedergegeben worden, einer Schriftform, die zur Zeit der 4. Dynastie noch unbekannt gewesen sein soll.
3. Der Name "Chufu" sei fehlerhaft geschrieben worden, bedeute in Wirklichkeit "Ré-u-fu."
Haases Widerlegung zu den drei Punkten:
1. Es handelt sich um Bauarbeiter- oder Steinmetz-Inschriften, diese Leute waren sicherlich keine ausgebildeten Schreiber
2. Nach dem aktuellen Stand der ägyptischen Forschung war die hieratische Schrift schon seit Beginn der ägyptischen Geschichtsschreibung um 3000 v. Chr. neben den Hieroglyphen in Gebrauch.
3. Der Schreibfehler ist gar kein Schreibfehler. Als Beleg wird hier auch der bereits erwähnte Film mit Mark Lehner angeführt. Da ein solcher Film als Beleg aber nicht ausreicht, stützt sich Haase in seiner Argumentation auch auf das Buch "Mykerinus. The Temple of the third Pyramid at Giza" von George Andrew Reisner, das auch Sitchin verwendet hat, als er seine Fälscherthese propagierte (3). In diesem Buch findet sich eine Kartusche des Pharao Cheops, die in Reisners Notation den Namen "Cheops 82" trug. Sie gibt den Namen Chufus richtig geschrieben wieder. Bereits durch einen Blick in dieses Buch hätte man die Fälscherlegende widerlegen können! Die Kartuschenbeischrift, Reisners Angabe, daß die Inschrift "Cheops 82" in der obersten Kammer an einem Dachbalken entdeckt wurde sowie die Abbildung der Kartusche in den Pyramidenbüchern Stadelmanns stimmten unzweideutig mit den Angaben Sitchins für dessen gefälschte Kartusche überein.
Martin Stower geht sehr ausführlich auf eine Expertise von Samuel Birch aus dem Jahre 1837 ein und wirft Sitchin zu recht vor, daß er diese Expertise inhaltlich so verdreht, daß er seine Fälscherthese damit begründen kann (4). In echter pseudowissenschaftlicher Manier zitiert Sitchin zu diesem Zweck aus dem Zusammenhang gerissene einzelne Sätze der Expertise. Sitchins Darstellung von Birch wird von Stower die korrekte Expertise gegenübergestellt, aus der hervorgeht, daß Birch keine Zweifel an der Authenzität der Kartusche hegte. Dadurch wird Sitchins Manipulation offensichtlich. In seiner Expertise hat Birch selbst einen Fehler gemacht, der in der damaligen Zeit durchaus verständlich war, denn die Erforschung der Hieroglyphen war noch jung: Erst 1822 konnten sie von Champollion entziffert werden. Birch hielt die Hieroglyphen, die den Königsnamen beigefügt waren, für einen königlichen Titel. Nach heutiger Lesart dagegen beziehen sich diese Hieroglyphen auf die Mannschaft der Bauleute mit dem Titel "Die weiße Krone von Chnum-Chufu ist mächtig." Dies ist ein Umstand, den Stower zufolge auch Sitchin hätte erkennen müssen. Dabei bedient er sich ebenfalls Reisner's "Mycerinus", jedoch in einem anderen Zusammenhang als Haase. In "Forging the Pharaoh's Name" verweist Stower auf Reisner im Zusammenhang mit der Behauptung Sitchins, in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts habe die Hieroglyphenforschung noch in den Kinderschuhen gesteckt. Dies bestätigt ein Blick in Reisners Werk, denn hier wurde erst ca. 100 Jahre nach Birch eine Analyse der Steinmetzzeichen vorgenommen. In "How Sitchin misrepresents Birch" weist Stower nochmals auf Reisner hin. Reisners Analyse lasse bei Birch einen Übersetzungsfehler erkennen, dies hätte auch Sitchin erkennen müssen, da er selbst auf Reisner zurückgegriffen hat. Ein darüber hinausgehender Hinweis auf "Cheops 82" findet sich bei Stower ebensowenig wie eine Zuordnung von "Cheops 82" zu Sitchins angeblich gefälschter Kartusche. Schon gar nicht erwähnt Stower den Film mit Mark Lehner. Weniger im Zusammenhang mit der Fälscherlegende Sitchins als mit Graham Hancock geht Stower nochmals auf die Kartusche ein, und zwar auf den angeblichen Schreibfehler:
"The name contains no mistake. There are three horizontal hatching lines within the circle - an unambiguous rendition of the 'kh' sign. Besides which, the distinction between the 'kh' and 'ra' signs was sometimes lost in cursive script - see, for examples, Goedicke's Old Hieratic Paleography."
Somit sollte klar geworden sein, dass es sich bei der Behauptung, Howard Vyse habe in der Cheops-Pyramide eine Kartusche des Königs Cheops anbringen lassen, um eine gezielte Manipulation von Fakten handelt - oder um es ganz deutlich zu sagen: Eine Lüge, die das Ziel verfolgt, die Errichtung der Cheops-Pyramide dem für Prä-Astronautiker allein gültigen Ziel, den Besuch außerirdischer Intelligenzen auf der Erde zu behaupten, unterzuordnen. Dass es trotz der offensichtlichen Manipulation durch Sitchin nach wie vor Anhänger der Prä-Astronautik gibt, die Legende vom gefälschten Königsnamen in der Öffentlichkeit verbreiten, zeugt nicht nur von ideologisch motivierter Ignoranz, sondern von regelrechten Diletantismus im Umgang mit archäologischen Themen.
(1) Rainer Lorenz, Das Vermächtnis der Ägypter (Band 1, Neuss 1997), S. 128 - 130. Die Fälscherlegende har zudem Eingang gefunden in die Bücher von Illig/Löhner (Der Bau der Cheops-Pyramide, S. 226), von Däniken (Die Augen der Sphinx, S. 262 - 266), v. Rétyi (Die Stargate Verschwörung, S. 102), Ercivan (Das Sternentor der Pyramiden, S. 68 - 74; Verbotene Ägyptologie, S. 293) und Geise (Die Gizeh-Pyramiden und der Mars, S. 15 - 16). Auch in das Leserforum des Magazins "Kemet" hat die Fälscherthese Einzug gefunden (J. Zimmermann, Faszination "Pyramide" (III), Kemet 4/2002, 93 - 94). In dem 2004 erschienenen Buch "Die Giza-Mauer" schließen sich die Autoren Paganini und Risi der Fälscherlegende vorbehaltlos an (S. 143 f.).
(2) Michael Haase, Das Chufu-Syndrom, G.R.A.L. 3/1996, S. 150 - 164; ders., Das Rätsel des Cheops, München 1998, S. 155 - 157; vgl. auch Klaus Richter, Die Legende vom gefälschten Königsnamen, Skeptiker 4/2005 und Gunnar Sperveslage, Die Königskartusche in der Cheops-Pyramide, Mysteria3000
(3) George Andrew Reisner, Mykerinus. The Temple of the third Pyramid at Giza, 1931.
(4) Martin Stower hatte seine Widerlegung nicht in einem Printmedium publiziert. Sie fand sich nur im Internet unter der (inzwischen leider gelöschten) Adresse http://martins.castlelink.co.uk/pyramid/forging/