Am 8. August 2011 wurde zu später Stunde auf Pro7 die Sendung "Pro7 Spezial: Leben Aliens längst unter uns?" ausgestrahlt. Der Aufhänger war die letzte Doppelfolge der ersten Staffel der US-amerikanischen Serie "V - Die Besucher," in der es um die Invasion reptilienartiger Aliens geht, die sich als Menschen tarnen. Ein Neuaufguss einer beliebten TV-Serie aus dem Jahr 1983.
Die Sendung "Pro7 Spezial: Leben Aliens längst unter uns?" war eine Aufzeichnung aus dem Jahr 2009, hergestellt von Storyhouse Productions in Berlin, ursprünglich gedacht für die Pro7 Serie "Galileo Mystery." Nun wurde diese Sendung unter der "Marke" Pro7 Spezial also am 8. August 2011 ausgestrahlt (ohne vorherige Ankündigung an die Beteiligten natürlich).
Gegenstand der Sendung sind drei provokante Thesen des Schweizer Autors und "Göttervaters" Erich von Däniken, Besuchern meiner Homepage inzwischen hinlänglich bekannt. Diese drei Thesen sind: (1) Die Linien von Nazca, (2) die Grabplatte von Palenque und (3) die sogenannten "Goldflieger" (kleine Kultobjekte aus Gold, die auf den ersten Blick aussehen wie Flugzeuge). Dass Erich von Däniken hinter allen drei Komplexen einen Einfluss außerirdischer Besucher vermutet, muss nicht weiter vertieft werden. Das Konzept der Sendung sah vor, dass sich zu jeder These Erich von Dänikens Kritiker äußern. Zum Thema "Grabplatte von Palenque" hatte man mich ins Boot geholt. Zugegeben - was zum Schluss im Fernsehen rüberkam, entsprach nicht dem, was ich erwartet hatte, es war reichlich zusammengeschnippelt worden, um das Zeitformat von ca. 40 Minuten (+ 20 Minuten Werbung) hinzubekommen. Schade war auch, dass ein weiterer Experte zum Thema Goldflieger weggeschnitten wurde. Sein Beitrag wurde auf einen kurzen Filmbeitrag am Schluss der Sendung verkürzt: Die Goldflieger stellen danach Vögel dar. Ob das nun der Weisheit letzter Schluss ist, sei dahingestellt. Die kleinen Objekte können alles mögliche darstellen, aber nur weil sie zufällig aussehen wie Flugzeuge, muss es nicht die Darstellung von Flugzeugen im Sinne eines Cargo Kultes sein. Ich halte es hier mit Carl Sagan: Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise. Die fehlen hier - und daran ändert auch nichts der Nachbau der Goldflieger als flugfähige Modelle durch die Prä-Astronautiker Peter Belting und Algund Eenboom.
Nunmehr erregt sich Däniken und mit ihm seine Fangemeinde aufs heftigste über die Sendung. Däniken, der in Interviews nicht müde wird zu behaupten, er gehe gelassen mit Kritik um, zeigt sich hier sehr dünnhäutig und lamentiert, er sei von Pro7 unfair behandelt worden. Nachlesen kann man das alles in einem fünfseitigen Beitrag in Sagenhafte Zeiten (5/2011) und auf Dänikens Homepage.
Däniken wusste von Anfang an, dass die Produktionsfirma "Storyhouse Productions" drei seiner Spekulationen darstellen wird, und diesen Aussagen von Kritikern gegenübergestellt werden; daraus hatte das Produktionsteam der Sendung nie einen Hehl gemacht. Und wer, wie Däniken, provokante Thesen vertritt, muss nun mal mit Kritik rechnen.
Mal ehrlich: Wie hätte er es denn gerne gehabt? Wie bei der vom History Channel produzierten Serie "Ancient Aliens", in der Prä-Astronautiker ihre Phantasiewelt überwiegend kritiklos darstellen dürfen? Um Gottes willen! Es ist auch ärgerlich, wenn Dänikens Fanclub sich auf Aiman Abdallah einschießt, denn er ist der letzte, den man anzählen sollte - er gibt weder die Inhalte noch die Produktion noch den Gang der Sendung vor; das tut die Produktionsfirma und in letzter Instanz Pro7.
Zu meinem Auftritt in der Sendung äußerte sich Däniken ursprünglich so:
"Den nächsten Clou bot ein Dr. Klaus Richter, der sich von vornherein weigerte, mit mir gemeinsam aufzutreten. Ich sei „unwissenschaftlich“, mit mir könne man nicht sachlich diskutieren. Wiederum im Mäntelchen der ernsten Wissenschaft, redete Richter von einer längst überholte Ansicht über die Grabplatte von Palenque in Mexiko. Selbstverständlich wurde mir dieser „wissenschaftliche“ Unsinn im Studio vorher nicht vorgeführt. Entsprechend konnte ich gar nicht darauf antworten. Die Grabplatte von Palenque – so richtete Herr Richter – stelle den König Pakal dar. Das stimmt sogar. Dieser König sitze auf einem Altar oder einem Erdungeheuer, aus seinem Penis tropfe geopfertes Blut, das erhitzt werde und dessen Dämpfe zum Himmel steigen. Heiliger Moctezuma – hilf!"
Das war natürlich kompletter Unsinn. Nach der Begrüßung durch Aiman Abdallah wurde ich zunächst gefragt, warum ich denn mit Erich von Däniken nicht vor der Kamera diskutieren wolle (siehe unten), ob ich ihm denn schon einmal begegnet sei (ja, einmal) und warum ich, der ich früher ein überzeugter Anhänger der Prä-Astronautik war und nunmehr Kritiker derselben bin. Hier antwortete ich mit einem Hinweis auf die Methodik der Prä-Astronautik, unter anderem auf unbewusste oder bewusste Falschdarstellung und Manipulation durch Anhänger der Prä-Astronautik. Hier wurde mit einem kurzen Filmbeitrag übergeleitet zur Grabplatte von Palenque und dann von einem Sprecher im Off die Details der Grabplatte dargestellt - immer ausgehend von dem, was die Archäologie zu der Grabplatte sagt. Nach dem kurzen Filmbeitrag gab ich noch eine kurze Bewertung der Interpretation der Grabplatte durch Däniken und die Prä-Astronautik als reine Willkür und als Ignoranz der Symbolik der Maya ab. Das war es dann auch schon.
Ich hatte mich an Erich von Däniken und Sagenhafte Zeiten per email gewendet und darauf hingewiesen, dass die obige Darstellung von Dänikens so nicht der Wahrheit entspreche und er dies korrigieren solle. Gesagt - getan. Nunmehr lautet das Statement von Dänikens so:
Den nächsten Clou bot ein Dr. Klaus Richter, der sich von vornherein weigerte, mit mir gemeinsam aufzutreten. Ich sei „unwissenschaftlich“, mit mir könne man nicht sachlich diskutieren. Wiederum im Mäntelchen der ernsten Wissenschaft, gab der Sender längst überholte Ansichten über die Grabplatte von Palenque zum Besten. Selbstverständlich wurde mir dieser „wissenschaftliche“ Unsinn im Studio vorher nicht vorgeführt. Entsprechend konnte ich gar nicht darauf antworten. Die Grabplatte von Palenque, so hiess es, stelle den König Pakal dar. Das stimmt sogar. Dieser König sitze auf einem Altar oder einem Erdungeheuer, aus seinem Penis tropfe geopfertes Blut, das erhitzt werde und dessen Dämpfe zum Himmel steigen. Heiliger Moctezuma – hilf!
Bleibt noch meine Weigerung zum gemeinsamen Auftritt mit Däniken vor der Kamera. Dazu gibt es eigentlich nur das folgende zu sagen: Werden in typisch prä-astronautischer Manier Forschungsergebnisse ignoriert und Angehörigen einer uralten Kultur wie der Maya im Interesse einer eigenen. quasireligiösen Ideologie - der von den Astronautengöttern - mehr oder weniger vollständig die eigene Kultur abgesprochen, dann muss und will ich mit jemandem, der so verfährt, nicht vor der Kamera diskutieren. Worüber denn auch?
Und überhaupt: Was soll Dänikens Erregung? Während des Interviews mit Däniken, das meinem Auftritt vorausging, sagte Aiman Abdallah ganz deutlich in seiner Gegenwart, dass ich mich weigere, mit ihm vor der Kamera aufzutreten. Er wusste es also - die Aufregung, die er hier zur Schau trägt, ist daher aufgesetzt.
Die Grabplatte von Palenque, die sich im Tempel der Inschriften befindet und dort das Grab von K'inich Janab Pakal I. bedeckt, kann man heutzutage entziffern, man kennt die Symbole (die in Palenque auch häufig vorkommen und nicht allein auf die Grabplatte beschränkt sind - siehe Schele/Freidel, Die unbekannte Welt der Maya, S. 474 ff.) und den Zweck der Platte: Sie zeigt Pakal den Großen, den bedeutendsten Herrscher Palenques, dargestellt auf seiner Reise in die Unterwelt Xibalba. Zugleich wird symbolisch dargestellt, wie der Mayakönig, der zugleich auch Schamane war, Kontakt mit der Welt der Jenseitigen, des Diesseits und des Himmels hält. Hier spielt auch ein Rochenstachel eine wichtige Rolle: Mit diesem Stachel stachen sich die Mayakönige in Trance die Zunge oder den Penis auf, um ihr Blut zu opfern und so den Kontakt zur Geister- und Götterwelt herzustellen. Nicht umsonst wird der Stachel auf der Grabplatte in einer Opferschale dargestellt, mit der das Blut des Königs aufgenommen wurde. Zudem stellt die Grabplatte eine Legitimation von Pacals Herrschaft über Palenque dar. Der König hatte nämlich das Problem, den Thron von seiner Mutter geerbt zu haben, und das entsprach nicht den Gebräuchen der Herrscher von Palenque, wo sich die Thronfolge vom Vater auf den Sohn vollzog. Wie Hatschepsut in Ägypten musste also auch Pacal in die mythologische Trickkiste greifen, um seine Herrschaft vor seinen Untertanen und der Nachwelt zu legitimeren. Diese Geschichte sieht übrigens nur, wer auch die Mayaglyphen an den Seiten der Grabplatte und nicht nur das Relief auf der Grabplatte zur Kenntnis nimmt.
Keine Spur also von einem Raumfahrzeug und einem Raumfahrer als Piloten oder gar einer Art "Mondauto", wie es Däniken in der Sendung behauptet hat Der Spruch "Heiliger Moctezuma .-- hilf" dokumentiert hier wohl nur die völlige Ahnungslosigkeit Dänikens - zumal Moctezuma (Montezuma) nun rein gar nichts mit den Maya zu tun hat, wie jeder mit einer halbwegs soliden Schuldbildung auch weiß.
Nun wettert Däniken, die Ansicht, die zur Grabplatte von Palenque in der Sendung vertreten wurde, sei längst überholt. Warum das seiner Ansicht nach so ist, erfahren wir aus seinem in diesem Jahr im ominösen Kopp-Verlag erschienenen neuesten Buch "Was ist falsch im Maya-Land?" In gewohnter Manier zitiert Däniken bei der Interpretation der Grabplatte die Meinung einer Reihe von Fachleuten, von Alberto Ruz Lhuillier (dem Entdecker der Grabplatte) über Miloslav Stingl bis zu Linda Schele (S. 250 ff.). Die Stoßrichtung Dänikens ist klar: Keiner hat so richtig Ahnung, was die Grabplatte eigentlich darstellt, alle raten sie irgendwie herum. Aber - oh Wunder: Es gibt da ein Werk aus dem Jahr 2008, unter dem Titel "Palenque. Eternal City of the Maya" von David Stuart und George Stuart, erschienen im renommierten englischen Verlag Thames & Hudson. Die Stuarts, Vater und Sohn, sind ausgewiesene Fachleute für die Maya, ihre Kultur und ihre Sprache. Wie das berühmte weiße Kaninchen zaubert Däniken nun deren Interpretation der Grabplatte aus dem Hut: Danach reise Pakal der Große nicht in die Unterwelt, sondern himmelwärts. Was nun folgt, ist ein Lehrstück präastronautischer Methodik: Das habe Däniken ja schon seit 50 Jahren gefordert, die Grabplatte sei ein Stück "Cargo-Kult", die zeige, wie Pakal von der Erde himmelwärts fliege. In was? Einem Raumfahrzeug natürlich, und als Beleg bemüht Däniken den buddhistischen Kulturkreis. Hier sehen Däniken und seine Epigonen in den buddhistischen Stupas schon seit langem eine Interpretation eines Fahrzeuges im Sinne eines Cargo-Kultes. Sitzt nicht auch in einer Stupa ein Buddha, so wie Pakal in seinem Gefährt (S. 260 f.)? Also alles wieder gut, es darf weiter von Pacal dem Raumfahrer geträumt werden.
Schauen wir, was die David und George Stuart zur Grabplatte sagen und was Däniken daraus macht. Die entscheidenden Passagen finden sich im Kapitel 7 von "Palenque. Eternal City of the Maya", dort unter der Überschrift "House of Resurrection" (dt.: Haus der Auferstehung).
Auf S. 173 gehen die Stuarts dann auf die Grabplatte Pakals näher ein:
"The sarcophagus of Pakal is possibly the most famous of all Maya monuments, presenting in text and image a compelling story of Pakal's royal ancestry and of his own divine resurrection after death."
Also: Die Grabplatte zeigt in Text und Bild die Geschichte von Pakals königlicher Abstammung und seiner eigenen göttlichen Wiederauferstehung nach dem Tode.
Liest man weiter, folgt eine kurze Darstellung dessen, was auf der Grabplatte abgebildet ist. Dabei zeigt sich ein Himmelsband, das die gesamte Szenerie auf der Platte umgibt und anzeigt, was sich im Himmel abspielt (S. 173):
"Studied as a whole, the sarcophagus can be seen as a carefully composed model of the cosmos, with the sky (the lid) placed above the earth and its verdand realm (the coffin). Pakal's body was placed in the interior as a cosmic centerpiece, primed for resurrection into the world of his ancestors. At the center of the ornate lid is the reclining human figure of K'inich Janab Pakal, surrounded by a complex assortment of cosmological imagery. A celestial band, or sky-band, frames the entire scene and indicates what takes place in the heavens."
Übersetzt: Wird der Sarkophag als Ganzes betrachtet, dann kann er verstanden werden als ein sorgfältig zusammengestelltes Modell des Kosmos verstanden werden, mit dem Himmel (der Grabplatte) oberhalb der Erde und ihrem grünen Königreich (dem Sarg). Im Zentrum der verzierten Grabplatte sieht man den zurückgelehnten Pakal, umgeben von einer komplexen Auswahl kosmologischer Symbolik. Ein Himmelsband umrahmt die ganze Szenerie und zeigt an, was im Himmel geschieht. Das englische Wort "heavens" zeigt deutlich, das nicht der tatsächliche Himmel im Sinne von Weltall, wie es Däniken versteht, gemeint ist, sondern der mythologische Himmel. Andernfalls wäre das Wort "sky", "universe" oder "space" gebraucht worden.
Der Vorgang, der auf der Grabplatte dargstellt ist, war von großer sakraler Bedeutung für die Maya - dies belegen Abbildungen von Medaillons und kleinen Ringen, die Jade und Kostbarkeit symbolisieren (S. 173 f.). Auch das ist nichts neues, schön längst bekannt, wie ein Blick in die umfassende Darstellung bei Rohark und Krygier zeigt. Diese stellen nach einer gründlichen Auswertung der Symbolik und des Nachthimmels über Palenque am 31. August 683, dem Todestag Pakals, fest ("Don Eric und die Maya", S. 247):
"Konkret haben wir gezeigt, dass der Herrscher Pakal im Moment seines Todes dargestellt wird, wo er in die Unterwelt Xibalba eintritt, indem er von einem großen Krokodil verschluckt wird, das dem Krokodilkopf entspricht, welches die Milchstraße am Nachthimmel formt."
Dargestellt ist also die Reise in die Unterwelt Xibalba, die nach Sonnenuntergang auf den Platz über der Erde wechselt, um dort zum Nachthimmel zu werden (S. 245). Wie man sieht: Der Bezug zum Himmel ist in jedem Fall da.
Lesen wir weiter bei den Stuarts. Auf S. 174 ihres Buches sprechen sie verschiedene Interpretationen der Grabplatte an und kommen zum Resultat, dass, ausgehend von Ruz erster Interpretation, nahezu alle Gelehrten hier den Eintritt Pakals in die Unterwelt sehen, und zwar in die Erde hinein. Und jetzt kommt es (S. 174 f. - Hervorhebungen von mir):
"The interpretation of the image of Pakal's descent into the earth remains widely popular today, but, based on new readings of several motifs, it could be that the dead king is rising or emerging out of the earth. This new interpretation is strongly indicated by the solar bowl, which serves in the hieroglyphic script as the word el, meaning "exit, rise" or sometimes "burn", and is used mostly in the word for "east", el-k'in, "exiting sun." It thus stands to reason that Pakal's placement in the solar bowl is an explicit reference to the east, indicating an upward movement for Pakal out of the earth with the sun as it rises."
Mit anderen Worten: Die Stuarts schlagen eine neue Interpretation der Darstellung auf der Grabplatte vor, nämlich den Aufstieg des verstorbenen Herrschers Pakal aus der Erde gemeinsam mit der aufgehenden Sonne. Und wichtig ist: Sie sagen nicht, dass es so IST, sondern sie sagen, dies KÖNNTE so sein. Sie sind Wissenschaftler von Rang und Namen und legen sich nicht fest. Dass die anderen Interpretationen mit ihrer neuen Sichtweise überholt sind, sagen sie nicht, erst recht nicht, dass ihre Auffassung nunmehr "Lehrmeinung" sei (wie Däniken es sich wünscht). Wenn Däniken also behauptet, in der Pro7-Sendung sei eine längst überholte Ansicht zur Grabplatte vertreten worden, dann ist das schlichtweg Unsinn.
Schauen wir nun einmal, was Däniken aus den Aussagen der Stuarts in seinem Buch "Was ist falsch im Mayaland?" gemacht hat (S. 253 ff.).:
"Das Duo Stuart und Stuart vermerkt aber auch: 'Als Ganzes betrachtet kann der Sarkophag als gewissenhaft zusammengestelltes Modell des Kosmos betrachtet werden (...). Im Zentrum der Ornamente sieht man die zurückgelehnte menschliche Gestalt von K'inich Janaab Pakal, umgeben von einem Komplex kosmologischer Vorstellungen. Das himmlische Band umrahmt die ganze Szene und weist auf Dinge im Himmel hin.' Sahen frühere Interpreten auf der Platte noch einen 'Quetzalvogel', plädieren Stuart und Stuart für einen 'übernatürlichen Vogel.' Und war man nach der bisherigen Ansicht einig, König Pakal stürze in das Erdungeheuer hinein, sieht das die aktuelle Lehrmeinung anders: König Pakal steigt aus der Erde hinauf."
Zum Vogel: Schele und Freidel beschreiben ihn als Himmelsvogel, der in der gängigsten Darstellung an der Spitze des Weltenbaumes dargestellt wird. Die Symbolik stammt aus der späten vorklassischen Periode des südlichen Hochlandes, wo er die Vorstellung der aus den Fugen geratenen Natur wiederspiegelt, die von den Zwillingsheroen und dem König als ihrer irdischen Verkörperung wieder ins Lot gebracht wird (Schele/Freidel, S. 480). Rohark und Krygier stellen einen Bezug zum "Siebenpapagei" her, einer mythologischen Figur aus dem Popol-Vuh (S. 232), der für die sieben Sterne des Großen Wagen steht (S. 233 f.). Also stimmt es nicht, dass hier nur ein Quetzalvogel gesehen wurde, wie Däniken behauptet. Stuart und Stuart gehen bei der Beschreibung der Platte auf den Vogel im Übrigen en passant und ohne jegliche Bewertung ein (S. 173):
"From the bowl and behind Pakal's midsection rises a crossshaped tree, draped with an animated jade necklace, upon which a great supernatural bird is perched."
Nirgendwo wird hier dafür plädiert, dass man diesen Vogel nunmehr als "übernatürlichen Vogel" ansehen müsse. Ein schönes Beispiel, wie sich Däniken die Aussagen von Fachleuten zurechtbiegt, damit sie in sein Weltbild passen.
Das gleiche gilt für die "aktuelle Lehrmeinung", die einen Aufstieg Pakals aus der Erde sehe. Auch das ist, wie wir gesehen haben, falsch: Stuart und Stuart sehen es so und meine, es könnte als Aufstieg Pakals aus der Erde verstanden werden. Sie erheben nirgends einen Anspruch darauf, dass dies nun die "aktuelle Lehrmeinung" sei.
Ganz sicher wollen die Stuarts die Grabplatte nicht im Sinne einer tatsächlichen Fahrt Pakals in den Weltraum verstanden wissen. Aber wenn es darum geht, die Ideologie von den Götterastronauten am Leben zu erhalten, nimmt sich eben jeder das, was ihm am besten in den Kram passt. Und so wird aus dem Aufstieg Pakals aus der Erde heraus mit dem Sonnenaufgang zu einer realen Reise eines Raumfahrers weg von der Erde in den Weltraum. Der Rest von Dänikens Darstellung ist dann Prä-astronautik pur: Nachdem für ihn nun feststeht, dass endlich auch die Wissenschaft eine Reise Pakals himmelwärts sieht, ist natürlich auch die Sichtweise Dänikens von Pakal dem Raumfahrer legitim. Untermauert wird das mit den üblichen Ausführungen zu Cargo-Kulten, die mit einem Verweis zu den buddhistischen Stupas gewürzt werden (Was ist falsch im Maya-Land?, S. 257 ff.). Typisch präastronautisch werden zwei Kulturkreise, die überhaupt nicht miteinander vergleichbar sind, fröhlich miteinander verquickt und ihre Symbolik und Eigenarten im Sinne der "Götterastronauten"-Ideologie komplett ausgehebelt.
Schon vor der Arbeit der Stuarts war der Bezug zum Himmel in der Interpretation der Grabplatte klar. Rohark und Krygier haben die Symbolik der Grabplatte Stück für Stück auseinandergenommen und festgestellt, dass zwar die Reise Pacals in die Unterwelt Xibalba dargestellt ist, der Weg dorthin sich aber am Nachthimmel befindet - nämlich in der Milchstraße (S. 238 ff.). Im heiligen Buch der Maya, dem Popol Vuh, ist der Weg nach Xibalba ein schwarzer Spalt in der Milchstraße, der zwischen den Sternbildern Schütze/Skorpion und Schwan sichtbar ist und der noch heute in der Sprache der Quiché Maya "xibalba be" - Straße der Unterwelt - bezeichnet wird (Rohark/Krygier, S. 239). Es ist kein Zufall, dass der Zusammenhang zwischen der Symbolik der Grabplatte von Palenque und dem Popol Vuh sehr eng ist.
Nichts spricht dafür, dass die Maya hier einen Raumfahrer in seinem Raumfahrzeug abgebildet haben. Auf der Grabplatte wird ein komplexer Vorgang aus der Mythologie der Maya dargestellt, über dessen Einzelheiten sich die Wissenschaftler vielleicht noch nicht einig sind, wohl aber über das große Ganze.
Schon lange vor Däniken hatte übrigens mit Peter Fiebag ein anderer Autor der Prä-Astronautik den Himmelsbezug der Grabplatte für sich und die Ideologie der Götterastronauten genutzt ("Der Götterplan", S. 47). Ihn erwähnt Däniken übrigens an keiner Stelle ...
Und was halten die Stuarts von Däniken? Lesen wir nach (Palenque, S. 73):
"Even today, unsubstantiated beliefs and speculations about ancient America in general and, it seems, Palenque in particular, continue to bring us an almost uninterrupted parade of ancient astronauts, wandering tribes, and refugees from sunken Atlantis. In 1969 Erich von Däniken's 'Chariot's of the Gods?' proposed, among many other things, that the scene carved on the sarcophagus lit in the Temple of Inscriptions at Palenque depicted an ancient alien at the controls of a flaming rocket liftung off another planet." (Hervorhebungen von mir).
Nun - ich denke, das ist deutlich!
Es bleibt zum Schluss anzumerken, dass Däniken seinen Auftritt in der Pro7-Sendung nicht dazu genutzt hatte, die angeblich so sensationellen Erkenntnisse der Stuarts über eine Himmelsreise Pakals zu erwähnen; vielmehr ließ er sich darüber aus, dass auf der Grabplatte auch ein "Mondauto" dargestellt worden sein könnte. Das deutet darauf hin, dass Däniken die Arbeit der Stuarts bei der Aufzeichnung der Sendung im Jahr 2009 noch gar nicht kannte und die ganze von ihm geschürte Aufregung um das angeblich unfaire Verhalten von Pro7 reines Theater ist, verbunden mit einer gehörigen Portion Augenwischerei. Letztlich dient das dem Ziel, die Anhänger Dänikens bei der Stange zu halten.
Mehr Infos zur Grabplatte von Palenque:
Die Grabplatte von Palenque (Rainer Lorenz) bei Mysteria3000
Linda Schele, David Freidel: Die unbekannte Welt der Maya, München 1999 (S. 240 ff.)
Jens Rohark, Mario Krygier: Don Eric und die Maya, Magdeburg 2006 (S. 227 ff.)
David Stuart, George Stuart: Palenque - Eternal City of the Maya, London 2008 (S. 172 ff.)
Die Grabplatte von Palenque (aus meiner Feder), Sokar 2
K. Richter, 24. August 2011 - zuletzt geändert 08. Oktober 2011