Wissenschaftsfeindlichkeit

Statt Wissenschaftler vom (nicht existierenden) Nutzen der Paläo-SETI zu überzeugen, werden sie von vielen Grenzwissenschaftlern vehement kritisiert, ja geradezu diffamiert und mit Haßtiraden überzogen. Die Wissenschaft, so das allgemein verbreitete Vorurteil, verweigere sich Ansätzen, wie sie die Paläo-SETI vorträgt, erkläre die Rätsel dieser Welt mit allen möglichen Kniffen und Tricks, nur um ja nicht Außerirdische oder andere phantastische Erklärungen ins Spiel zu bringen. Manch einer munkelt sogar von Verschwörungen und sieht sich, ganz im Stile der beliebten Fernsehserie "Akte X", von dunklen Schattenmännern verfolgt. Man sollte die Wissenschaft und ihre Methoden aber nicht verteufeln, zumal es Vertreter aus ihren Reihen gibt, die die Idee der Paläo-SETI von ihrem Ansatz her für durchaus sinnvoll und diskussionswürdig halten. Aber so manch ein Autor der "Szene" macht sich gar nicht die Mühe, wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse anzuwenden. Man redet darüber einfach hinweg, ordnet es den eigenen Wunschvorstellungen unter und konstruiert bisweilen abstruse Sachzusammenhänge, die sich aber dennoch wegen ihrer Einfachheit und Verführbarkeit gut verkaufen lassen. Viele Reaktionen auf die Bilder des Mars Global Surveyor vom "Marsgesicht", die es als einen natürlichen Felshaufen entlarvt haben, belegen dies ebensogut wie die Haßtiraden der Kreationisten gegen die Evolutionstheorie, von ihnen abfällig als "Darwinismus" bezeichnet. Solange in der Paläo-SETI auch auf diese Weise gearbeitet wird, dürfen sich viele ihrer Vertreter nicht wundern, wenn man sie als Träumer oder Spinner abtut. Es sei denn, sie wollen nur von einer überwiegend kritiklosen, mehr oder weniger klar umrissenen "Gemeinde" bewundert werden. Und das scheint, so mein Eindruck, tatsächlich auch der Fall zu sein.
Einige Autoren jammern in Zeitschriften, in Büchern, auf Meetings und auf Internetforen lautstark, daß die Wissenschaft sie nicht ernstnehmen würde - warum denn auch, wer Wissenschaftler verprellt, darf sich nicht wundern, wenn er dann keinen Kontakt zu ihnen bekommt. Im Gegenteil: Wer es wagt, eine grenzwissenschaftliche These zu kritisieren, soll seine Kritik dann auch bitteschön begründen. Das ist eine Erfahrung, die ich selbst oft genug gemacht habe. Leider vergessen diejenigen, die nach grenzwissenschaftlichen Methoden arbeiten und Kritikern eine Begründung abverlangen, einen ganz wesentlichen Umstand:


Die Wissenschaft hat ihr Weltbild und kann es zumindest durch Theorien auch belegen. Die Grenzwissenschaft stellt überwiegend Behauptungen und Spekulationen auf, fordert dann von der Wissenschaft, darauf einzugehen. Dabei erkennen die Grenzwissenschaftler nicht, daß sie es sind, die die Beweislast tragen.


Es reicht also nicht, daß ein Sonntagsforscher nur Fragen stellt. Wenn er das wissenschaftlich fundierte Weltbild angreift, muß er Erklärungen bieten, mit denen Wissenschaftler auch arbeiten können, er muß seine Behauptungen belegen, und zwar im Sinne eines empirischen Beweises! Ob ein solcher Beweis dann von der Wissenschaftswelt ernst genommen wird, klärt sich nicht durch Veröffentlichung in grenzwissenschaftlichen Büchern oder Magazinen, sondern wissenschaftlichen Zeitschriften, Vorträgen, Diskussionen und Konferenzen. Wird man von der main stream science nicht ernst genommen, muß man eben eigene wissenschaftliche Konferenzen oder Zeitschriften organisieren. Bis auf den hoffnungsvollen, aber leider eingeschlafenen Ansatz mit der Zeitschrift "Scientific Ancient Skies" ist daraus leider nichts geworden. Ehrlich gesagt: Bislang hat niemand einen echten Beweis vorlegen können, obgleich seit über 30 Jahren danach gesucht wird.


Woran könnte die Wissenschaftsfeindlichkeit der A.A.S.-Mitglieder liegen? Vielleicht ist die A.A.S. für viele eine Stätte, in der sie aus ihrem normalen, bürgerlichen Alltag ausbrechen und den Aufstand proben können - nicht gegen die Politik, sondern gegen die Wissenschaft. Man fühlt sich verkannt und dadurch zusammengehörig, und das ist es, was die Sache für viele erst wirklich interessant macht. Ein Dialog mit der Wissenschaft ist daher nicht vorgesehen, unnötig oder sogar schädlich. Schließlich ist man ja im Besitz der Wahrheit, und „die" Wissenschaftler werden das früher oder später mit hochrotem Kopf und gesenkten Kopf schamvoll eingestehen müssen. Aber so wird das nicht funktionieren.

 

Ernst Stuhlinger (1913 - 2008) fasste das Verhältnis der Prä-Astronautik 1971 so gut zusammen, dass es sich lohnt, diese - zeitlosen - Ausführungen hier wörtlich wiederzugeben:

 

"Solche Schlüsse sind bisher von Wissenschaftlern nicht gezogen worden worden. Däniken bezichtigt "die Wissenschaft" deshalb der Schwerfälligkeit, des Mangels an Kühnheit, der überkonservativen Haltung, der Befangenheit in alten Denkmodellen. "Die Wissenschaft" ist aber keine geschlossene Gruppe von Menschen, die in vollkommener Harmonie und Einmütigkeit ein bestimmtes Arbeitsprogramm plant und ausführt, die wohldefinierte, einheitliche Ansichten vertritt und dafür Lob oder Tadel beanspruchen könnte. Wissenschaft ist menschliche Tätigkeit mit dem Ziel, Wissen auf allen Gebieten des Wißbaren zu erwerben. Sie erkennt nur solches Wissen an, das einer sachlichen und konstruktiven Kritik standhält. Das gemeinsame Werkzeug aller Wissenschaft ist Logik. Neue wissenschaftliche Thesen entstehen, wenn logische Schlussfolgerungen den Zwang oder die Möglichkeit dazu liefern. Wieviel Raum für ein schöpferisches Denken, für Kühnheit und für persönlichen Mut jede echte wissenschaftliche Arbeit bietet, zeigen die Beispiele von Kopernikus, Newton, Darwin, Planck, Einstein. Ihre Thesen sind als Folgen logisch zwingender Argumente entstanden. Wie jeder echte Wissenschaftler stellen sie sich der Diskussion und Kritik ohne Einschränkung in dem Bestreben, die Beweisführung so lange fortzusetzen, bis alle, die guten Willens sind, die logische Sauberkeit und innere Widerspruchslosigkeit ihrer neuen Thesen anerkannten.

Anders Däniken: Die Möglichkeit, dass unsere Erde in der Vergangenheit vielleicht von fremden Intelligenzen besucht worden ist, wurde während der letzten Jahrzehnte oft diskutiert. Diese Möglichkeit findet heute weitgehende Anerkennung. Däniken aber erhebt das Mögliche zur Gewißheit. Die Argumente, die er zum Beweis seiner These anführt, entbehren jedoch der Überzeugungskraft. Er sollte verstehen, daß sein Gegner nicht "die Wissenschaft", sondern die Logik ist. Man kann nicht logische Erforschung durch unlogische Behauptung ersetzen. (...) Das Zögern der Wissenschaft, alte Berichte über feuerige Himmelswagen als Beweis für Besuche fremder Intelligenzen anzuerkennen, reflektiert nicht einen Mangel an Kühnheit der Wissenschaftler, sondern einen Mangel an logischer Beweiskraft der Berichte (...). Aber er (Däniken) will glauben, nicht wissen. Der Weg zum Glauben ist kurz und leicht, der Weg zum Wissen lang und mühevoll. Deshalb findet Däniken eine große Anhängerschaft unter denen, die zwar von echtem Interesse and er Geschichte des Menschen erfüllt sind, die aber hoffen, daß es vielleicht einen "Weg der Könige zur Mathematik" gibt."

(Stuhlinger, Wurde unsere Erde von fremden Astronauten besucht?, in: E. v. Khuon, Waren die Götter Astronauten, München/Zürich 1971, S. 37 ff.).

 

"Ignoranz"