Kodifikationen

I.    Code Civil (1804)

 

Rechtszustand in Frankreich vor 1804: Droit écrit (röm. Recht) in Südfrankreich, Coutumes (basierend auf fränkischem Gewohnheitsrecht) in Nordfrankreich, Grenze: Loire. Nur bedingte Rezeption französischen Rechts in Frankreich. Herausbildung zentraler Regierungsgewalt mit Zentrum in Paris („Coutumes de Paris“)

 

Ausarbeitung eines „Droit Intermediare“ 1789 (Geltung bis 1799)

 

1800 - 1804: Ausarbeitung des „Code Napoleon“ unter Mitwirkung Napoléon Bonapartes.


21. März 1804: Inkrafttreten des Code Napoléon (seit 1807: Code Civil); bürgerliches Gesetz, beruhend auf Aufklärung und Grundideen der frz. Revolution (Liberté, Egalité, Fraternité).

 

Weltweite Verbreitung des Code Civil bis heute (frz. Eroberungen unter Napoléon, frz. Kolonien; Rezeption des Code Civil in Asien (Japan), Südamerika (Chile und Argentinien), Nordamerika (Louisiana), „politische Wende“ ab 1990 in Osteuropa).

 

Code Civil in Deutschland: in linksrheinischen Gebieten gilt von 1804 – 31.12.1899 Code Civil; Großherzogtum Baden:  „Badisches Landrecht“ auf der Grundlage des Code Civil (1806).

 

II. Kodifikationen in Deutschland (18. – 19. Jahrhundert)

 

Ausgangslage im HRR (bis 17. Jhdt.): Zersplitterung des Rechts durch Partikularismus; Einigende Wirkung des „gemeinen Rechts“ („ius commune“ = römisches Recht).

 

Ab 17. Jahrhundert Vordringen der Aufklärung im HRR; 1690: „usus modernus pandectarum“ (Samuel Stryk – 1640 – 1710). Verbindung von „Ius Commune“ und Naturrecht führt zu Geburt der Kodifikationsidee (bewusst geplantes, rationales, durchsichtig gestaltetes und systematisches Gesetzbuch); Übernahme der Kodifikationsidee durch Territorialherren (Absolutismus – „Polizey-Staat“).

 

Erste Kodifikationen im 18. Jahrhundert: Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis („Codex Max“, 1756) und „Allgemeines Landrecht für die preußischen Staaten“ („ALR“, 1794).

Allgemeines Landrecht für die preußischen Staaten (ALR)

 

Beginn der Arbeiten unter Friedrich Wilhelm I.: Samuel v. Cocceji (1679 – 1755); Fortsetzung unter Friedrich II.

 

Unterbrechung der Arbeiten ab 1756 (Tod v. Coccejis und „Siebenjähriger Krieg“)


Fortsetzung der Arbeiten ab 1780 durch preuß. Großkanzler Johann Heinrich von Carmer (1720 – 1801) und Carl Gottlieb Svarez (1746 – 1798)

 

Inkrafttreten 1794 unter Friedrich Wilhelm II. (Geltung bis 31.12.1899)

 

ALR: aufgeklärter Absolutismus und Vernunftrecht; zwei Teile mit insgesamt 19194 Paragraphen (BGB: „nur“ 2385 Paragraphen). Richter als „Subsumtionsautomat“ ohne Interpretationsfreiheit; kein Raum für Rechtswissenschaft; Kommentar v. Savigny: „In Form und Materie eine einzige Sudeley“ (1819).
 

III. Savigny und die Historische Schule des Rechts

 

„Sinken“ des „Vernunftsterns“ am Ende des 18. Jahrhunderts, Beginn der Romantik: Mensch ist nicht rational, sondern irrational à „Seele“, „Gefühl“.

 

Johann Gottfried Herder (1744 – 1803): Kulturerscheinungen nicht auf abstrakter Vernunft begründet, vielmehr originär von den Völkern hervorgebracht.

 

Recht im 18. Jahrhundert geprägt vom Rationalismus der Aufklärungszeit, Rechtsordnung als bewusst geplante, von Vernunft gesteuerte Zweckschöpfung des staatlichen Gesetzgebers.


Dagegen Historische Schule des Rechts (Friedrich Carl v. Savigny – 1779 – 1861): Recht als geschichtlich gewordene Kulturerscheinung, Ursprung und Reifung in der Volksseele à Volksgeist anstelle der „ratio“ des Gesetzgebers. Wahres Recht ist Gewohnheitsrecht à Träger des Rechts ist das Volk, dessen Repräsentanten sind die Juristen.


Gegenposition: Friedrich Justus Thibaut (1772 – 1840): Schaffung einer nationalen Zivilrechtskodifikation auf der Grundlage des Code Civil als Grundlage für staatliche Einigung.

 

Widerspruch durch Savigny in „Vom Berufe unserer Zeit …“ (1814). Durchdringung und Kultivierung des historisch gewachsenen Rechtsstoffs als Aufgabe der Rechtswissenschaft. Wahre Quelle des Rechts sei das antike römische Recht („Corpus Iuris Civilis“); führt zur Idealisierung römischen Rechts durch Vertreter der Historischen Schule des Rechts (Savigny, Puchta u.a.). Daraus entwickelt sich die "Pandektenwissenschaft" und in ihrem Zuge die "Begriffsjurisprudenz" („Rechnen mit Begriffen“ anstelle Beobachtung der sozialen Wirklichkeit).

 

Folge: Verzögerung eines einheitlichen deutschen Privatrechts, aber wertvolle Grundlagen für Rechtsdogmatik des BGB.

 

IV. Auf dem Weg zum BGB

 

Allgemeines Deutsches Handelsgesetzbuch (1861)

„Dresdner Entwurf“ für ein Obligationenrecht (1865)

Reichsjustizgesetze 1879: Zivilprozessordnung (ZPO), Gerichtsverfassungsgesetz (GVG), Konkursordnung (KO - heute Insolvenzordnung, InsO)
Ab 1873: Beginn der Vorarbeiten am BGB
Ab 1874: Beginn der Tätigkeit der „Ersten Kommission“, Vorlage des ersten Entwurfes 1887. Kritiker: Otto von Gierke (Jurist) und Anton Menger (Nationalökonom).
Ab 1890: Tätigkeit der „Zweiten Kommission“
1895: Vorlage des Zweiten Entwurfs
1896: Annahme durch den Reichstag (gegen die Stimmen der SPD).
Inkrafttreten des BGB: 1. Januar 1900.

 

Folge: Unwirksam aller Partikularrecht (Code Civil, ALR, Sächsisches BGB, Badisches Landrecht, Codex Max etc. ), an deren Stelle tritt einheitliches Zivilgesetzbuch für Deutschland.

 

BGB geprägt durch liberale Grundhaltung, Kernelement: Privatautonomie und Vertragsfreiheit sowie Vertragstreue („pacta sunt servanda“). "Soziale Elemente" in § 134 BGB (Verstoß gegen Gesetze), § 138 BGB (Sittenwidrigkeit) und Herabsetzung unbillig hoher Vertragsstrafen (§ 343 BGB).

 

Nach 1945: zahlreiche Änderungen des BGB, vor allem im Schuld- und Familienrecht.
Rezeption des BGB im Ausland: Japan, Thailand, Süd-Korea, Lettland und Griechenland; vor 1945 auch China.

 

V. Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB) – Österreich


Beginn der Arbeiten am ABGB: 1753 (auf Weisung der Kaiserin Maria Theresia, 1717 - 1780). Inhalt sollte sein: Partikuläre Landrechte der deutschen Gebiete der kuk-Monarchie, gemeines Recht, Vernunft-/Naturrecht.

 

Erster Entwurf: Codex Theresiana, 1766.

 

Personenrecht tritt als „Josephinisches Gesetzbuch“ 1787 in Kraft (Kaiser Joseph II., 1741- 1790)

 

Übrige Teile unter Kaiser Leopold II. (1747 – 1792) bearbeitet

 

1790 Berufung einer Kommission unter Vorsitz von Karl Anton von Martini (1726 – 1800). Vorlage des ersten Entwurfes 1796.
Weitere Ausarbeitung ab 1800 unter Leitung von Franz von Zeiller (1751- 1828).

 

1811: Inkrafttreten des Entwurfes als „Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch Österreichs“. In Kraft bis heute.

 

Charakter: Vernunftrecht, bürgerliche Rechtsgleichheit, Emanzipation privater Rechtsbeziehungen von staatlicher Aufsicht, Freiheit des wirtschaftlichen Verkehrs. Aber: Politische und soziale Wirklichkeit Österreichs unterschied sich 1811 drastisch vom fortschrittlichen Geist des ABGB. Wende erst ab 1848. AGBG hatte kaum Ausstrahlungskraft auf andere Rechtsordnungen, keine Konkurrenz zum Code Civil.

 

VI. Schweizer Zivilgesetzbuch (ZGB)

 

Schweiz als Staatenbund („Kantone“) seit 1291 (drei „Urkantone“ Uri, Schwyz und Unterwalden), „alte Eidgenossenschaft“ bis 1798: Besetzung durch frz. Truppen und Einverleibung als „Helvetische Republik“. Restauration der Schweiz auf dem Wiener Kongress 1815.

 

Kaum Rezeption römischen Rechts (Ausnahme: Basel und Schaffhausen)
Schweizer Recht bis Ende 18. Jahrhundert sehr volkstümlich.
Kodifikationsidee hält Einzug mit der Gründung der „Helvetischen Republik“ (1798).

 

19. Jahrhundert: Schaffung von Zivilgesetzbüchern auf kantonaler Ebene

Französisch- und italienischorientierte Kantone: Code Civil
Deutschsprachige Kantone: Bernische Kodifikation (in Kraft seit 1826).
Historische Rechtsschule (Savigny) beeinflusst Privatrechtliches Gesetzbuch des Kantons Zürich (1853 – Johann Caspar Bluntschli – 1808 - 1881).

 

Verfassungsänderung 1874: Gesetzgebungskompetenz des Bundes für Privatrecht.
1881: Inkrafttreten des Schweizer Obligationenrechts (OR).
Seit 1896: Ausarbeitung eines Entwurfes zum Schweizer Zivilgesetzbuch durch Eugen Huber (1849 – 1923)
1907: Annahme des Entwurfes durch Schweizer Bundesversammlung. In Kraft seit 1. Dezember 1912. Grund: Anpassung von ZGB und OR. Eingliederung des OR ins ZGB.

 

Totalrezeption des ZGB in der Türkei (1926: Türkisches ZGB).